Brandmauern im BildungswesenKo-kreative Forschung gegen rechten Druck auf die Erwachsenenbildung

Foto: UHH
Rechte Angriffe auf die Erwachsenenbildung bleiben oft unsichtbar. Das Projekt sammelt erstmals systematisch Erfahrungen aus der Praxis und entwickelt Strategien, mit denen Bildungseinrichtungen demokratische Bildungsarbeit wirksam schützen können.
Der dramatisch wachsende Einfluss politischer Akteure der extremen Rechten zeigt sich in Deutschland auch in der Erwachsenenbildung: Sprach- und Integrationskurse, Angebote zu Diversität und Inklusion geraten ins Visier, Einrichtungen und Förderprogramme werden politisch attackiert. Das war und ist vielerorts spürbar – aber wenig belegt. Erfahrungen wurden zwar geteilt, doch meist informell. Es fehlte eine gemeinsame, belastbare Wissensbasis.
Das Projekt „Brandmauern im Bildungswesen“ hat genau diese Situation zum Thema gemacht. Aus einzelnen Beobachtungen sollten systematische Erkenntnisse werden – und daraus wiederum konkrete Strategien. Ziel der Studie war es, Einrichtungen nicht länger nur anlassbezogen reagieren zu lassen, sondern sie in die Lage zu versetzen, vorbereitet zu handeln. Zu diesem Zweck war das Vorhaben von Beginn an ko-kreativ angelegt. Forschende der Erziehungswissenschaft arbeiteten mit Vertreter:innen des Deutschen Volkshochschulverbands, der Hamburger und der Thüringer Volkshochschule sowie mit Studierenden zusammen. Gemeinsam entwickelten sie eine onlinegestützte qualitative Fallsammlung, die von Ende 2024 bis Anfang 2025 geöffnet war.
Nicht alle, die an der Studie mitgewirkt haben, wollten sofort offen sprechen. Das zeigte schon: Die Sorge vor Repressionen war real. Gerade deshalb war die enge Zusammenarbeit mit den Verbänden entscheidend, denn sie schuf Vertrauen, öffnete Zugänge und machte es möglich, sensible Erfahrungen solide zu dokumentieren. In einem Workshop mit über 50 Teilnehmenden wurden die ausgewerteten Fälle gemeinsam diskutiert und geschärft. So entstand aus verstreuten Berichten ein kollektives, empirisch fundiertes Bild rechter Einflussnahme auf die Erwachsenbildung.
Auf dieser Grundlage konnten konkrete Gegenstrategien entwickelt werden. Einrichtungen formulierten oder überarbeiteten Codes of Conduct, erarbeiteten Handreichungen und schärften ihre Leitbilder und Satzungen. Gewerkschaften, Betriebe und Betriebsräte griffen die Befunde auf und verankerten Selbstverpflichtungen gegen rechte Einflussnahme. Was zuvor oft als isolierter Vorfall erschien, wurde als strukturelle Herausforderung verstanden – und entsprechend beantwortet. Auch an der Universität wurde das Thema verstetigt: Eine arbeitsbereichsübergreifende Ringvorlesung erprobt empfohlene Strategien praktisch. Ein neues Modul „Bildungsrecht“ verankert rechtliche Grundlagen und Schutzmechanismen in der Ausbildung. Eine Promotion führt die Forschung weiter.
Die Ergebnisse wurden in zahlreichen Vorträgen vorgestellt, in Fachbeiträgen publiziert und in Kooperation mit dem UNESCO Institut für Lebenslanges Lernen international diskutiert. Damit wurde aus einem national wahrgenommenen Problem ein Beitrag zur globalen Debatte über politischen Druck auf Bildung. Die Wirkung des Projekts liegt nicht in einem einzelnen Beschluss. Sie zeigt sich darin, dass Einrichtungen heute über empirisch gestützte Argumente, abgestimmte Verfahren und ein gewachsenes Netzwerk verfügen. Aus Unsicherheit wurde Handlungsfähigkeit. Aus vereinzelten Erfahrungen entstand mehr als eine geteilte Wissensbasis: eine gemeinsame Brandmauer.
Transferprojekt
- Prof. Dr. Anke Grotlüschen (Leitung)